Bücher

Ines Geipel:
"Für heute reicht's"
Rowohlt Berlin, 2004.
ISBN 3-87134-479-6

April 2002: Schießerei in einem Erfurter Gymnasium. 17 Tote: 12 Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin, ein Polizist und der Täter selbst. Politiker und die braven kommerzialisierten Massenmedien zeichnen das bekannte Bild des Amoklaufs eines durchgeknallten Schulversagers. Alles unfaßbar, unvorhersehbar, aus heiterem Himmel. Die Frage "Warum? Warum? Warum?" wird bis zum Erbrechen gestellt und wieder einmal als völlig unverständlich verklärt, jedem als unbegreifbar eingehämmert.

Dieses hervorragende Buch hat nichts übrig für derartigen Schmarrn. Es wühlt konsequent Hintergründe auf und scheut dabei auch nicht vor so manchen Abgründen unserer ach so schön ordentlichen und anständigen Scheinzivilisation zurück. Akribisch wird dargelegt, wie die schaurige Tat mindestens ein halbes Jahr lang exakt geplant und intensiv vorbereitet wurde.

Zwischen den Zeilen schlummert die Erkenntnis: Erfurt, da hat ein unterforderter, gelangweilter und alles andere als dummer Schüler die Selbstverlogenheit unserer oberflächlichen Konsumgesellschaft ebenso erkannt, wie den Umstand, daß die moderne Schule nicht zur Bildung da ist, sondern zur Verdummung der Masse. Pisa nicht als Unfall sondern als politisches Konzept für gesellschaftliche Stabilität. Historische Recherchen in den Sechzigern liefert das Buch gleich mit. Pink Floyd läßt unverkennbar grüßen.

Zurückhaltend und auf kollektives Unverständnis stoßend, fand der Schüler mit seinen jungen Jahren für sich hierauf jedoch keine andere Antwort als das Problem so zu lösen, wie es die Kommerzmedien tagtäglich anbieten: "Hau' weg den Scheiß!" - die alltägliche blanke Gewalt der Glotze und der Ballerspiele. Ein Rauswurf aus der Schule und die gelegte Lunte zündete. Die Folgen sind bekannt.

Nicht zuletzt zahlreiche, von vehementen Plärr- und Schimpftiraden gekennzeichnete Kritiken belegen mit ihrer beeindruckenden an den Tag gelegten und nach Harmonie schreienden Intelligenzallergie: Dieses Buch gehört unverzichtbar zur zeitgemäßen Allgemeinbildung. Ganz getreu der alten Weisheit "getroffener Hund bellt". 250 Seiten.

 

 

Desmond Morris:
Das Tier Mensch
Silva-Verlag Zürich, 1994.
ISBN 3-908486-67-X

Erfrischend schonungslose Betrachtungen unserer 'menschlichen' Verhaltensmuster im direkten Vergleich zu solchen, nicht nur unserer nächsten Verwandten, aus dem Tierreich. 220 Seiten.

 

 

 

 

Xokonoschtletl Gomora:
Ansichten eines Wilden über die zivilisierten Menschen
Gfw Ges. für Fremdenverkehrswerbung mbH Heidenheim, 1991.
ISBN 3-926876-07-7

Xokonoschtletl Gomora, staatlich geprüfter Fremdenführer und traditioneller Tänzer aus Mexiko vom Stamm der Azteken, spricht neben seiner Muttersprache Nauatl fließend Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und etwas Französisch. Er hält Vorträge, Seminare, Workshops und dergleichen in Universitäten, Museen, Schulen, etc. unter anderem in Brasilien, Kanada, den USA, Italien, Österreich, Schweiz und Deutschland und schreibt außerdem Bücher. Seine Anliegen sind die möglichst unverfälschte Vermittlung der Kultur seiner Ahnen sowie die Forderung nach Rückgabe der seit Anfang des 16. Jh. im Wiener Völkerkundemuseum ausgestellten Federkrone des Aztekenherrschers Motekuhzoma Xokoyotzin.

In seinem Werk "Ansichten eines Wilden über die zivilisierten Menschen" beschreibt er das, was wir Zivilisation nennen, mit seinen Augen. Nicht ohne Polemik und bisweilen auch mit - aus unserer Sicht - reichlich schräger Argumentation zieht er die Vergleiche mit seiner Kultur und gibt dabei genügend Anregungen zum Nachdenken. Gerne stellt er Fragen und sucht Antworten. Antworten auf durchaus garstige Fragen wie "Warum wachsen zivilisierte Kinder oft mutlos und mit Angst auf, während sich 'wilde' Kinder manchmal schon im Alter von 5 Jahren selbst versorgen?" oder "Ihr steckt Eure Kinder in Kindergärten. Ist es Rache, daß später die Kinder ihre Eltern ins Altersheim stecken?". Dazwischen finden sich zahlreiche Anekdoten seiner diversen Erlebnisse und Begegnungen bei uns, ebenfalls ohne Schnörkel in präzisem Klartext. 190 Seiten.

 

 

Vincent van Vilsteren, Rainer Maria-Weiss (Hrsg.):
100.000 Jahre Sex
Konrad Theiss Verlag GmbH, 2003/2004.
ISBN 3-8062-1949-4

Dieses Buch eröffnet ebenso wie die gleichnamige wissenschaftlich - archäologische Ausstellung selbst (gezeigt u.a. 2008 im Landesmuseum Trier) einen sehr breiten und hintergründigen Blick auf eines der ältesten Themen der Welt. Insbesondere weit jenseits von dem, was religiöse Eiferer wie z.B. diverse katholische Bischöfe und Kardinäle gerne hätten, zeigt es Sexualität in der gesamten historisch gelebten Bandbreite. Sei es der hohe gesellschaftliche Stellenwert der ausgiebig gelebten Homosexualität im antiken Athen, sei es die Realität düsterer Bordelle und dreckiger Klosprüche auf Latein inmitten der gerne verklärten "altrömischen Tugenden", seien es die gerne recht derben Anspielungen auf Sexualpraktiken in Bildern sowie die fast schon vulgäre Mode bei Hofe in manch früheren Jahrhunderten.

Natürlich fehlt auch das inzwischen 1.000 Jahre alte "Bußbuch" des Bischofs von Worms nicht, in dem praktisch jedweder Sex, der nicht der ausschließlichen Kinderzeugung diente, als bußwürdige Sünde hingestellt wurde. Äußerst interessant, mit welcher Detailliertheit die angehenden Priester darin alle möglichen Sexualpraktiken beschrieben bekamen. Wem fallen angesichts derart genauer und umfassender Handlungsanleitungen nicht sofort die bis zum heutigen Tage immer wieder an das Licht der Öffentlichkeit kommenden Exzesse diverser Priesterseminare ein...? 110 Seiten.

 

 

Jürgen Langhans:
Wir schreiben für die, die lesen
Books on Demand GmbH, 2000.
ISBN 3-8311-0735-1

"Schreiben soll einfacher werden" forderten einige Eiferer und ordneten die Schlechtschreibreform sogar gegen den in Schleswig-Holstein per Volksentscheid mit deutlicher Mehrheit zum Ausdruck gebrachten Willen der Bürger an.

"Eine Flöte mit nur zwei Löchern ist einfacher zu greifen als das heute übliche Instrument, aber die Musik ist auch danach" zitiert Jürgen Langhans den Sprachwissenschaftler Theodor Ickler und liefert genüßlich Beispiele: "Zeigen Sie mir mal bitte Ihren schwer beschädigten Ausweis" - Ist da nun der Ausweis in schwerer Weise beschädigt oder dessen Inhaber rechtschreibdeformiert schwerbeschädigt? "Das Sofa ist gräulich" - Ist die Farbe des Sofas nun leicht grau oder dessen Ästhetik rechtschreibdeformiert grauenhaft? "Der Alkohol ist in Massen zu genießen" - Ist das wirklich so gemeint oder war da bloß ein übereifriger Reformer am Werk, der noch immer nicht kapiert hat, daß es das 'ß' auch gemäß den 'neuen' Regeln nach wie vor gibt?

Über die Frage, ob für die heutigen Pisa-Schüler solcher sprachlicher Dummfug gerade noch gut genug sei, werden viele weitere der reichlich vorhandenen Schwachsinnigkeiten der Deform untersucht. Sei es das nun angeblich stark reduzierte Regelwerk der Kommasetzung im Duden, das dort irgendwie nach wie vor in etwa die gleiche Anzahl an Seiten in Anspruch nimmt wie zuvor. Sei es, ob wir die "Wach-stube" nun wirklich deformiert als "Wachs-tube" trennen sollen, so wie manche übereifrige Zeitgenossen wegen der neuen st-Regel nun "Las-twagen" schreiben?

Wie schön ist es doch, daß das Bundesverfassungsgericht am 14. Juli 1998 urteilte: "Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt. Personen außerhalb dieses Bereichs sind rechtlich nicht gehalten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben." Wann werden all unsere duckmäuserischen Journalisten und Beamten endlich kapieren, daß auch sie nunmal ein verfassungsmäßiges Grundrecht auf ihre eigene Muttersprache haben, egal was der Chef dazu meint??? Bleibt die Frage nach den Kindern in diesem Land, in dem der Deutsche Bundestag am 26. März 1998 entschied: "Die Sprache gehört dem Volk". 120 Seiten.

 

 

Hanno Birken-Bertsch, Reinhard Markner:
Rechtschreibreform und Nationalsozialismus
Wallstein Verlag, 2000.
ISBN 3-89244-450-I

1941 bis 1944, Reichserziehungsministerium unter Reichsminister Bernhard Rust: Eine neue deutsche Rechtschreibung wird ausgearbeitet, damit Deutsch deutlich einfacher wird. Die eroberten Völker wie Polen oder Tschechen sollen nämlich, trotz ihrer von den Nazis propagierten geistigen Rückständigkeit, die deutsche Sprache lernen können. Schließlich müssen sie künftig verstehen und befolgen, was die Herrenrasse ihnen vorzuschreiben gedenkt. Erreicht werden soll das mit zahlreichen Einzelmaßnahmen, darunter die Abschaffung des 'ß' zugunsten von 'ss', Einebnung des Unterschieds zwischen 'das' und 'dass', Ersetzung von 'ph' durch 'f' etc. etc. etc.

24. August 1944: Der Führer befiehlt die Aussetzung der Reformarbeiten bis nach Ende des Krieges. Erst ist der Sieg wichtig, dann die Reform.

1996: Mit gut 50jähriger Verspätung - der Krieg wurde ja 'leider' verloren - bescheren uns die Regierenden eine Rechtschreibreform..........

Die wissenschaftliche Ausarbeitung "Rechtschreibreform und Nationalsozialismus" beleuchtet präzise sowohl das Zustandekommen der Regeln der Rechtschreibreform, als auch die personellen Verflechtungen zwischen damaligem Reichserziehungsministerium und heutiger Reformkommission der Kultusministerkonferenz.

Zwar außerordentlich trockene und nüchterne streng wissenschaftliche Lektüre, trotzdem mit garantiertem Gruselfaktor. 130 Seiten.

 

 

Ulfried Geuter:
Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus
Suhrkamp Verlag, 1988.
ISBN 3-518-28301-4

Bis in die Weimarer Republik hinein gab es keine einheitliche Psychologie und schon gar nicht war sie ein eigenständiges Fach an den Universitäten. Es gab lediglich eine Gruppe von Wissenschaftlern anderer Disziplinen, bspw. aus der Philosophie und der Pädagogik, die sich aus unterschiedlichsten Ansätzen heraus mit Fragen des "Bewußtseins" und des "Seelenlebens" befaßten. Weiterhin gab es eine Art Dachverband in Form der 1904 gegründeten Gesellschaft für experimentelle Psychologie.

Während der Nazizeit änderte sich dies grundlegend. Es wurden zahlreiche eigenständige Professuren für Phychologie eingerichtet und es entstand ein eigenständiges Berufsbild der Psychologen, zuletzt auch mit einer eigenen Diplomprüfungsordnung. Aber warum?

Die Antwort schockiert: Um die Psychologie als eigenständiges Fach zu etablieren und sich von den Nachbardisziplinen wie Philosophie und Pädagogik abzugrenzen, diente man sich ganz bewußt und offen den Nazis an. Aus der Überlegung heraus, daß nur gefördert wird, was auch gebraucht wird, bediente man ganz offensiv und bedenkenlos die Wünsche der Nazis. Diese allerdings hatten keinerlei Interesse an Behandlung oder gar Heilung von psychischen Problemen. Es ging den Nazis ausschließlich um Selektion: Selektion von tauglichen Arbeitern für die Fabriken sowie Selektion von guten Soldaten für die Wehrmacht. Die Arbeit der Psychologen bestand in der Entwicklung und Anwendung des diagnostischen Werkzeugs hierzu. Wer durch die Selektionen durchfiel, war halt minderwertig und konnte froh sein, wenn man ihn zumindest nicht ins KZ verwies.

Dem mit wissenschaftlicher Akribie argumentierenden Buch hinzuzufügen wäre eigentlich nur noch der Hinweis, daß bis heute die Gesetze zur psychologischen Begutachtung und Einweisung in die Klapse unverändert diejenigen sind, die die Nazis damals erlassen haben. 598 Seiten.

 

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